Bürgermeisterin Alice Gerken zur Corona-Situation

Liebe Ganderkeseerinnen, liebe Ganderkeseer,

dieses Jahr ist alles anders. Der „Lockdown“ im Frühjahr hat uns wirtschaftlich, sozial und auch emotional erschüttert. Das „alte Leben“, wie wir es kennen und lieben, kehrt nur schrittweise zurück –  und es drohen immer wieder Rückschläge. Mit Blick aufs Ausland können wir feststellen, dass die Maßnahmen zum Schutz vor dem Coronavirus gegriffen haben und eine Überlastung unseres Gesundheitssystems bislang erfolgreich vermieden werden konnte. Die zuletzt gestiegenen Infektionszahlen mahnen jedoch zur Vorsicht.

Sorgen mache ich mir um die Polarisierung in unserer Gesellschaft. Ja, über 80 Prozent der Bevölkerung stehen Umfragen zufolge hinter den von Bund, Ländern und Kommunen beschlossenen Regeln zur Eindämmung der Pandemie. Doch fast jede und jeder Fünfte in unserem Land ist nicht mehr bereit, diesen Weg mitzugehen. Manche, die von der Corona-Krise persönlich und beruflich stark betroffen sind, wenden sich in ihrer Verzweiflung teils obskuren Verschwörungstheorien zu. Einige drohen für unsere Demokratie sogar dauerhaft verloren zu gehen – eine gefährliche Entwicklung.

Die Abwägung von gesundheitlichen und wirtschaftlichen Argumenten ist ein Drahtseilakt. Es gab und gibt für eine solche Situation kein Patentrezept und es gibt keine Sicherheit, dass alle beschlossenen Maßnahmen wirksam und angemessen sind. Wir alle müssen stetig dazulernen. Aus heutiger Sicht hätten die Einzelhandelsgeschäfte und Baumärkte nicht schließen müssen. Die Pflicht zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung hat sich – in Verbindung mit der Einhaltung des Mindestabstands – als ausreichend erwiesen.

Richtig war und ist das Vermeiden von großen Feiern und Menschenansammlungen, bei denen die Abstandsregeln nicht gewahrt werden oder gewahrt werden können. Gerade hier hat sich das Virus in den letzten Monaten ausgebreitet und zu Massenquarantänen geführt. Gleichzeitig müssen für die Gastronomie, die Veranstaltungsbranche und die Kulturschaffenden dringend Lösungen her, damit Existenzen gesichert werden und wir nach Corona weiter auf ein vielfältiges kulturelles und gesellschaftliches Angebot zurückgreifen können. Kulturveranstaltungen müssen stattfinden dürfen – dann eben mit festen Sitzplätzen und auf Abstand. Die Schließung der Divarena in unserer Nachbarstadt Delmenhorst erscheint mir als deutliches Warnsignal, dass hier etwas auf Dauer verloren zu gehen droht.

In den vergangenen Monaten haben wir gelernt, mit der Corona-Krise umzugehen. Die meisten Menschen halten sich an den Mindestabstand und tragen eine Maske. Doch lassen gerade die niedrigen Infektionszahlen des Sommers die Vorsicht langsam schwinden. Wenn manche ihre Unterhose so tragen würden wie ihre Mund-Nasen-Bedeckung (nämlich oft nasenfrei), gäbe es wohl einen Aufschrei. Klar fällt einem das Atmen dann leichter, aber auch der Schutz fällt größtenteils weg. Und der Schutz gegen Corona ist eben keine Privatsache: Er betrifft andere und die Allgemeinheit genauso wie einen selbst. Daher müssen Verstöße auch Konsequenzen haben.

Positive Signale kommen zum Glück aus der Forschung: Mehrere Impfmittel sind im Zulassungsverfahren auf der Zielgeraden. Doch es wird dauern, bis ein Großteil der Bevölkerung geimpft ist und ein wirksamer Schutz ohne Abstand und Maske garantiert werden kann. Die nun beginnende kältere Jahreszeit, die immer einen Anstieg der Atemwegserkrankungen mit sich bringt, wird uns noch mal auf die Probe stellen. Wir müssen uns wieder mehr in geschlossenen Räumen aufhalten, das Infektionsrisiko steigt.

Daher tut es mir einerseits in der Seele weh, dass der Fasching 2020/21 weitgehend ausfallen muss. Er ist mit seinen immer gut besuchten Büttenabenden und dem bunten Festumzug ein Aushängeschild für unsere Gemeinde. Doch das Risiko von möglichen „Superspreader“-Ereignissen wäre einfach viel zu groß.

Leider kaum wahrgenommen werden die älteren und pflegebedürftigen Menschen in unserer Gesellschaft. Sie waren in Heimen oft monatelang quasi isoliert und durften kaum Besuch von ihren Angehörigen empfangen. Dank neuer Hygienekonzepte sind inzwischen wieder mehr Kontakte möglich, doch gerade auf Gemeinschaftsaktionen, die Abwechslung in den Alltag bringen, muss oft noch verzichtet werden. Ähnliches gilt für die Vereine, die immer ein Anlaufpunkt für geselliges Beisammensein waren und es hoffentlich bald wieder sind. Ein Impfstoff gegen Corona wird wohl auch das beste Heilmittel gegen die drohende Vereinsamung vieler Menschen sein.

Sehr froh und glücklich bin ich, dass unsere Kitas und Schulen wieder weitgehend regulär geöffnet haben. Das ist eine große Entlastung für berufstätige Eltern und Alleinerziehende, aber letztlich auch für unsere Unternehmen. Es ist gut, dass das Homeoffice für alle Fälle eingeübt ist. Aber um dieses wichtige Stück Alltag – geregelte Arbeitszeiten und eine gesicherte Kinderbetreuung – zu bewahren, sollten wir die Einhaltung der Abstand- und Hygieneregeln beherzigen und z.B. auf Urlaub in Risikogebieten verzichten.

Als Bürgermeisterin bin ich sowieso Berufsoptimistin. Aber auch ganz persönlich bin ich voller Hoffnung, dass wir eine wirkliche Chance haben, die Dinge zum Guten zu wenden.  Die alte Lebensfreude, die Partys, die mitreißenden Konzerte, die vielfältigen und bunten Feste – all das wird wiederkommen. Wie schnell, das liegt auch ein Stück weit an uns.

Bleiben Sie gesund! Alles Gute für Sie!

Ihre

Alice Gerken
Bürgermeisterin der Gemeinde Ganderkesee


(Veröffentlicht am 01. Oktober 2020)

Nach oben